Wesen und Eigenart

Was Ziegen besonders macht – und von Schafen unterscheidet

Wer Ziegen hält, weiss: Diese Tiere haben Charakter. Sie sind neugierig, eigenwillig und überraschend klug. Doch was genau macht sie so besonders? Dieses Kapitel gibt Einblick in das Wesen der Ziege – ihre Sinne, ihr Sozialverhalten und ihre Beziehung zum Menschen. Wer noch vor der Entscheidung steht, ob Ziegen oder Schafe besser zu ihm passen, findet hier hilfreiche Vergleiche zwischen den beiden Tierarten

Kletterkünstler und Ausbrecher

Klettern können beide – aber nicht gleich gut.

Ziegen sind neugierig, intelligent und selbstbewusst. Diese Eigenschaften machen ihre Haltung interessant, aber auch anspruchsvoll. Gewohnte Abläufe funktionieren nicht immer gleich, denn Ziegen überraschen ihre Halter immer wieder.

Die Vorfahren unserer Hausziegen lebten im Hochgebirge. Deshalb sind Ziegen ausgezeichnete Kletterer. Sie erreichen Futterstellen, die für andere Tiere unerreichbar sind, und ruhen gerne an erhöhten Plätzen. Um ihr natürliches Verhalten zu ermöglichen, brauchen Hausziegen Klettermöglichkeiten und erhöhte Liegeflächen.

Ziegen klettern deutlich besser und lieber als Schafe. Der Grund dafür sind ihre besonderen Hufe. Sie bestehen aus einer harten äusseren Schale und einer weichen, flexiblen Sohle. Diese Kombination gibt sicheren Halt auf Felsen, Bäumen und steilen Hängen. Schafe haben robustere, aber weniger flexible Hufe und sind deshalb schlechtere Kletterer. Ziegen nutzen ihre Kletterfähigkeit gezielt, um Blätter und Äste zu erreichen oder sich bei Gefahr in Sicherheit zu bringen. Schafe verlassen sich hingegen eher auf den Schutz der Herde.

Ziegen sind sehr beweglich. Sie können aus dem Stand bis zu 1,50 Meter hoch springen. Das muss bei der Umzäunung unbedingt berücksichtigt werden. Ziegen können auch auf den Hinterbeinen stehen oder unter geeigneten Umständen auf Bäume klettern, um an besonders begehrte Blätter zu gelangen. Vor allem Fruchtbäume müssen deshalb gut geschützt werden.


Feine Sinne

Ziegen verfügen über einen ausgeprägten Geruchs- und Geschmackssinn. Neben der Nase nutzen sie auch das sogenannte Jacobsonsche Organ. Es liegt im Gaumen hinter den Schneidezähnen und dient der zusätzlichen Geruchswahrnehmung. Beim sogenannten Flehmen öffnen Ziegen das Maul und heben den Kopf, um Gerüche besser aufzunehmen.

Ziegen können süss, sauer, salzig und bitter unterscheiden. Bitterstoffe und pflanzliche Gerbstoffe vertragen sie besser als viele andere Tiere. Deshalb fressen sie zum Beispiel gerne Tannenäste. Besonders ausgeprägt ist ihre Vorliebe für Salz. Salz- und Minerallecksteine sind daher wichtig und sehr beliebt.

Als Fluchttiere sind Ziegen ständig aufmerksam. Dank ihrer waagerechten Pupillen haben sie ein sehr weites Gesichtsfeld von etwa 270 Grad. Auch bei hellem Sonnenlicht sehen sie gut. Ziegen können Farben erkennen, allerdings weniger intensiv als Menschen.

Ziegen erkennen ihre Bezugspersonen nicht nur am Geruch, sondern auch an Stimme und Gesicht. Diese Fähigkeit zeigt sich auch innerhalb der Herde. Muttertiere erkennen ihr Kitz selbst in einer grossen Gruppe zuverlässig wieder.


Lieber trocken als nass

Ziegen bleiben trocken, Schafe bleiben draussen

Ein weiterer Unterschied zu Schafen betrifft die Wetterempfindlichkeit. Schafe sind dank ihrer dichten Wollschicht gut gegen Nässe und Kälte geschützt. Ziegen hingegen besitzen keine solche Isolationswolle. Sie entwickeln zwar eine dichte Unterwolle, reagieren aber deutlich empfindlicher auf Feuchtigkeit und Zugluft – Unterkühlung ist eine reale Gefahr.

Trockene Kälte vertragen Ziegen gut, ihre «Wohlfühltemperatur» liegt bei etwa 8 bis 18 Grad. Regen und Wind setzen ihnen jedoch zu. Ein trockener, zugfreier Unterstand ist daher unverzichtbar. Während Schafe auch bei Nieselregen auf der Weide bleiben, suchen Ziegen bei den ersten Tropfen lieber Schutz.


Klug und lernfähig

Das Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN) in Dummerstorf untersuchte das visuelle Lernvermögen von Nutztieren anhand von Zwergziegen. Die Ergebnisse zeigen: Ziegen reagieren auf primäre Verstärker in Form von Belohnungen ebenso wie auf sekundäre Verstärker (Töne) und eine Kombination beider. Sie können sogar ähnliche Symbole zuordnen – sogenannte Transferaufgaben. Nach den Beobachtungen des Instituts kann das Meistern von Lernaufgaben das Wohlbefinden der Tiere steigern.

Ziegen sind zudem mental flexibler als Schafe: Sie können sich deutlich schneller auf veränderte Situationen einstellen und neue Wege zu Nahrungsquellen finden. Das zeigt eine weitere Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und des FBN. In einem Experiment sollten Ziegen und Schafe ein Hindernis umlaufen, um an Futter zu gelangen. Als die Position der Lücke im Zaun verändert wurde, fanden sich die Ziegen besser und schneller zurecht. Die Forschenden vermuten, dass die unterschiedlichen Strategien bei der Nahrungssuche eine Rolle spielen: Während Schafe eher Weidetiere sind, streifen Ziegen umher und bevorzugen Knospen und frische Triebe – eine Lebensweise, die mehr Anpassungsfähigkeit erfordert.


Wählerische Feinschmecker

Schafe mähen, Ziegen entbuschen auch

Ziegen sind sehr wählerisch beim Fressen. Anders als Rinder oder Schafe, die hauptsächlich Gras aufnehmen, wählen Ziegen ihr Futter gezielt aus. Je grösser das Angebot, desto selektiver sind sie.

Bevorzugt fressen Ziegen Blätter. Auf der Weide werden daher zuerst ungeschützte Bäume und Sträucher angeknabbert. Junge Triebe, Blüten und Zweige stehen an erster Stelle. Auch Rinde wird gerne gefressen, besonders von Apfel- oder Tannenbäumen. Fehlen Blätter, bevorzugen Ziegen Kräuter und Leguminosen gegenüber Gras.


Kommunikation und Sozialverhalten

Ziegen sind sehr kommunikative Tiere. Sie nutzen ein breites Spektrum an Lauten. Dazu gehören leises Meckern zwischen Mutter und Kitz sowie lautes Rufen bei Hunger oder Trennung.

Ziegen können unterschiedliche Stimmungen in den Lauten anderer Ziegen erkennen. Mutterziegen erkennen die Stimmen ihrer Kitze auch nach längerer Zeit wieder. Kitze erkennen ihre Mutter schon wenige Tage nach der Geburt.

Ziegen, die in derselben Gruppe aufwachsen, entwickeln ähnliche Lautmuster. Diese helfen ihnen, Gruppenmitglieder leichter zu erkennen.

Neben der Lautsprache spielt die Körpersprache eine wichtige Rolle. Studien belegen, dass die Ohrstellung den emotionalen Zustand widerspiegelt: Bei erhöhter Aufmerksamkeit oder Erregung sind die Ohren häufiger nach vorne gerichtet, in positiven Situationen seltener nach hinten. Auch die Schwanzstellung gibt Auskunft über die Stimmung – in positiven Situationen tragen Ziegen den Schwanz häufiger erhoben.

Ziegen brauchen die Gesellschaft von Artgenossen und fühlen sich in der Gruppe sicher. Allein gehaltene Ziegen leiden unter Stress. Sie rufen dann häufiger und sind unruhig. In der Herde pflegen Ziegen soziale Kontakte wie Beschnuppern, gegenseitiges Kratzen und spielerisches Kräftemessen.


Klare Hierarchien

Teamplayer und Individualisten?

In einer Ziegenherde gibt es eine klare Rangordnung. Diese ist stärker ausgeprägt als bei Schafen. Rangfragen werden durch Drohgebärden und Kämpfe geklärt.

Stall und Futterplätze sollten so gestaltet sein, dass auch rangniedere Tiere ungestört fressen und ruhen können.

Neue Tiere bringen oft Unruhe in die Herde. Bestandesveränderungen sollten deshalb möglichst selten erfolgen. Eine stabile Herde ist für Ziegen wichtig. Wenn möglich, sollte der Bestand durch eigene Nachzucht ergänzt werden.


Beziehung zum Menschen

Ziegen können eine nahe Beziehung zu Menschen aufbauen. Sie erkennen vertraute Personen an Stimme und Gesicht und erinnern sich auch nach längerer Zeit an sie.

Ziegen reagieren auf den Gesichtsausdruck von Menschen. Freundliche Gesichter werden bevorzugt. Zudem suchen Ziegen häufig den Blickkontakt, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder Hilfe einzufordern. Dieses Verhalten kennt man sonst vor allem von Hunden.

Vertrauen entsteht durch einen ruhigen und geduldigen Umgang. Wer seine Ziegen regelmässig beobachtet, anspricht und behutsam anfasst, gewinnt ihr Vertrauen. Hektik und laute Geräusche schrecken sie ab. Gute wie schlechte Erfahrungen behalten Ziegen lange in Erinnerung.

© appenzellerziege.ch

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