Geschichte der Appenzeller Ziege

Das angestammte Zuchtgebiet der Appenzeller Ziege sind die beiden Appenzeller Kantone. Schriftliche Beschreibungen der Ziegenhaltung im Appenzell finden sich erstmals um 1800. Die Sennen hatten jeweils vier bis acht Ziegen, die bei den Kühen weideten und deren Stall teilten (Kuh-Gäässli). Ihre Zahl war gesetzlich festgelegt auf sechs Ziegen und zwei Gitzi. Zudem hatten die Sennen mit eigenen Ziegenweiden und ärmere Bauern, die sich keine Kühe leisten konnten, sogenannte "Huffen-Gässli". Ein Huffen bestand aus 21 Ziegen. Rund 2000 solcher "Huffen-Gässli" wurden gezählt. In den Berichten aus der damaligen Zeit wird die Bedeutung der Ziegen für die ärmere Landbevölkerung, die sich keine Kühe leisten konnte, betont. Diese war mit ihrem kärglichen Einkommen auf die Ziegenhaltung angewiesen.

Einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Ziegenhaltung hatte die beginnende Popularität der Molkekuren im 18. Jahrhundert. Molke ist das Milchwasser, das bei der Herstellung von Käse nach der Entrahmung der Milch und der Entfernung des Eiweisses zurückbleibt. Ziegenmolke galt schon im Altertum als Heilmittel mit gesundheitsfördernder und abführender Wirkung. Es wurden ihr insbesondere heilende Wirkung bei Gicht und Lungenleiden zugeschrieben. Das Dorf Gais entwickelte sich nach 1750 zum ersten über die Region hinaus bekannte Molkenkurort. Die Ziegenmolke wurde täglich in Rückentraggefäsen, sogenannten Tansen, aus dem Alpstein in einem mehrstündigen Marsch nach Gais getragen. Es folgten weitere Kuranstalten wie zum Beispiel das Jakobsbad (1845). Um die Jahrhundertwende arbeiteten viele Appenzellerzinnen und Appenzeller in den Kur- und Badeorten im In- und Ausland. Die Männer stellten die Milchprodukte her und verkauften sie. Die Frauen waren im Service tätig oder verkauften Stickereien.

Mit der Zucht wurde in Innerrhoden 1902, in Ausserhoden 1914 begonnen. Der umfangreiche Export der Ziegen nach Deutschland hattte die Rasse bezüglich Qualität geschwächt. Die landwirtschaftliche Kommission empfahl deshalb, Zuchtgenossenschaften zu gründen, um den Bestand zu gewährleisten und die Zucht zu fördern. In der Ziegenzuchtgenossenschaft Appenzell war nach den Statuten die "Hebung u. Forterhaltung unserer Ziegenrassen, ganz besonders aber unsere weisse "Appenzeller Mutschziege" in ihrer Rassenreinheit zu erhalten, mittelst Auswahl der zur Zucht geeigneten Muttertiere, sowie durch Paarung derselben mit anerkannt gut entwickelten, rassenreinen Zuchtböcken, durch Führung zweckentsprechender Zuchtregister u. durch rationelle Aufzucht u. Haltung der Tiere." 1927 beteiligten sich erstmals Appenzeller Ziegen-Züchter an der Milchleistungsprüfung.

Während man heute bei Appenzellerziegen sofort an weisse und langhaarige Geissen denkt, war das früher anders: Im vorigen Jahrhundert gab es von dieser Rasse auch schwarze, braunrote und entsprechend gefleckte Vertreter. Neben Langhaarigen sah man auch Kurzhaarige, Gehörnte und Ungehörnte bunt gemischt. Bevorzugt wurden jedoch die unbehornten Ziegen mit einem weissen langhaarigen Fell. Dank ihrer weissen Farbe konnten sie auf den weitläufigen Alpen auch bei schlechtem Wetter einfacher gefunden werden. Das lange Fell trug zur Robustheit und Wetterfestigkeit der Tiere bei. In den ersten Jahren wurden auch von den Zuchtzielen abweichende Ziegen in die Genossenschaft aufgenommen, durften bei der Beurteilung aber nur als drittklassig eingestuft werden. Obwohl sich die kurzhaarige Saanenziege und die langhaarige Appenzellerziege Anfang des letzten Jahrhunderts noch vielerorts glichen, wurde nach und nach eine Abgrenzung zwischen beiden Rassen gesucht. Es kam aber immer wieder zu Einkreuzungen, und in der Zürcher Region entwickelte sich gar eine sogenannte Zürcherziege, die zwischen der Saanen- und der Appenzellerziege stand. Sie wird heute der Appenzeller Ziegenrasse zugerechnet.

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte auch die Appenzellerziege ihre Blütezeit. In dieser Zeit wurde sie in grossem Umfang in die Kantone Zürich und Thurgau verkauft und nach Preussen exportiert. Rund 5000 Zuchttiere wurden damals gezählt. Ab 1920 ging der Export jedoch stark zurück, vor allem aufgrund des Währungszusammenbruchs in Deutschland. Zudem bevorzugten die Ziegenhalter immer mehr die kurzfelligen Rassen, die ihrem Bild einer "Edelziege" besser entsprachen. Erschwerend kam hinzu, dass die Behörden im Jahre 1903 den Waldweidegang und das Weiden auf Gemeindegütern untersagten. Die Ziegen verloren damit wichtige Futterbasis. Als Folge der erschwerten Haltung und Verdienstmöglichkeit ging auch die Zahl der Ziegen markant zurück. Im Jahre 1936 wurden gerade noch 406 Appenzeller Ziegen gezählt. Dass sie sich dennoch zu behaupten vermochten, liegt daran dass mit der Appenzellerziege wichtige Traditionen und kulturelle Werte eng verbunden sind. Zu einer Alpfahrt gehören Appenzeller Ziegen. Es gab nicht wenige Bauern, die besonders deshalb noch Ziegenzüchter blieben. Im Appenzellerland wird noch heute der Alpaufzug von einem Knaben in Sennentracht angeführt. Hinter ihm zottelt ein halbes Dutzend Appenzeller Ziegen.

Die Appenzeller Ziege gilt heute als gefährdet und von Aussterben bedroht. Dank der Initiative und des Engagements des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes und der Stiftung ProSpecieRara und mit finanzieller Unterstützung des Bundesamts für Landwirtschaft konnte die Trendwende geschafft werden. Die Tierzahlen sind in den letzten Jahren wieder deutlich angestiegen (vgl. Herdebuch). Nicht nur die Tierzahl stieg, sondern auch die Milchleistung. Die vermehrten Anstregnungen in der Zucht von leistungsstarken Tieren zeitigte beachtliche Erfolge. So stieg die Milchmenge in den Jahren 1989 bis 2000 um einen Viertel.
Rund zwei Drittel der Tiere sind im Appenzellerland zu finden. Sie wird hier nach wie vor hauptsächlich von Landwirten gehalten und gezüchtet. Immer häufige ist die schöne und leistungsfähige Appenzeller Ziege auch im Kanton St. Gallen anzutreffen und in den letzten Jahren fand sie auch zunehmend Anhänger in weiteren Regionen der Schweiz.

Weitere Beiträge

Die Appenzellerzeitung widmete im Sommer 2016 eine Seite den Apenzellerziegen. Die für die Region typische Rasse sei aus verschiedenen Gründen in ihrer Existenz gefährdet. Es gebe aber auch Lichtblicke. Sie können den ganzen Artikel durch das Anklicken des nebenstehenden Bildes herunterladen.

Die Zeitschrift wandern.ch portraitiert in ihrer Juni Ausgabe 03/2013 unter dem Titel "Die Rückkehr der Sympathieträgerinnen" die Appenzeller Ziege und ihre Entwicklung. Sie gehöre zum Appenzellerland "wie die Siedwurst und der Alpstein". Der Artikel wird abgerundet mit einem Wandervorschlag zu den Geissen. Die Redaktion hat uns den gesamten Beitrag freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Sie können ihn durch das Anklicken des nebenstehenden Bildes herunterladen.

Das Museum Appenzell widmete der Appenzeller Ziege vom 16. Mai bis am 4. November 2012 die Sonderausstellung Chom giz giz giz. Die Appenzeller Ziege . Die Schweizerische Post gab am 7. März 2013 eine Sondermarke mit der Appenzeller Ziege und dem Appenzeller Sennenhund heraus. Anlass war, dass das Land Appenzell vor 500 Jahren als 13. Stand in die Alte Eidgenossenschaft eintrat.


Quellen:

  • Josef Inauen, Jubiläumsbericht "100 Jahre Ziegenzuchtgenossenschaft Appenzell 1902-2002"

  • Johannes End, Eine Standortbestimmung der schweizerischen Ziegenzucht anhand der Appenzellerziege, Zürich 1985

  • Urs Weiss (Hrsg.), Schweizer Ziegen, 2. Auflage, Winterthur 2005

  • Jubiläumsschrift "100 Jahre Schweizerischer Ziegenzuchtverband", März 2006

  • Chomm giz giz giz. Die Appenzeller Ziege, Sonderausstellung im Museum Appenzell 2012

Filmportrait der Appenzeller Ziege